Bloß kein Erleuchtungsstress

Leseprobe 2, aus Kapitel 19: "Schwarzer Flieder"



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Und weil Illusionen so flüchtig und Wechsel zwischen den Welten doch so schwer sind, sind diejenigen, die den Traum der Mehrheiten, den Traum der Mächtigen, nicht mitträumen, die wahren Künstler, so gefährlich. Und deshalb müssen sie zurückgeholt werden in den kollektiven, soziokulturellhistorisch im jeweiligen Raumzeitkontinuum vorherrschenden Traum. Und sind sie nicht willig, so braucht man Gewalt!
Oft sind das doch die, die vielleicht nur zu einfältig sind, zu langsam, oder zu nachgiebig, zu empfindsam, zu gutmütig. Wo du dich fragst: Wie überleben die bloß in dieser Welt? Und die Sensiblen, eine 'Seele von Mensch', die Künstler, die Träumer, verkannte Genies, die nicht geboren sind, um etwas zu leisten, sondern um den anderen die Augen zu öffnen, vielleicht sogar das Herz. Dies war aber schon immer ein schlecht bezahlter Job, eine undankbare Aufgabe. Doch es gibt sie, Gott sei Dank. So ähnlich wie vielleicht einige typische Wim-Wenders-Figuren: Tiefgründige, eher stille, skurrile, liebenswerte Menschen, die mit einer elegischen Gelassenheit ihr Leben jenseits von 'Erfolg' und 'Wohlstand' tragen, und du fragst dich: Wie schaffen die das? Was sind ihre Halte- und Orientierungspunkte, was ihre unauffälligen, anspruchslosen Freuden, ohne 'mega-', 'ultra-', 'supergeil'? Was machen die mit ihren unerfüllten Träumen? Was sind ihre Quellen der Kraft? Vielleicht gehen sie einfach IHREN Weg. Egal, wo und wie, in stiller Bescheidenheit, aber es ist IHRER.
Der Swami war wohl eingeschlafen? Oder war es gar Absicht dieses alten Meisters, Harry ab und zu mal bis an die Grenzen des Belastbaren geraten zu lassen, nur damit sich leichtere Gefühlszustände noch besser anfühlen konnten? Diesmal wurde Harry anders gestoppt.
„Auaah!“ Harry war durch eine tiefe Rinne mitten in der Fahrspur des Feldwegs mit dem Fuß umgeknickt. Und schon war er wieder im Hier und Jetzt! Harry blieb stehen und rieb sich den Knöchel. Wird wohl nicht so schlimm sein, dachte er, meine Gelenke sind flexibel. Auf ne Verletzung, die ihn an den Asanas hinderte, hatte er nun gar keinen Bock. Und dann ihm fiel auf, dass dieser Gedankenstrom unterbrochen war. Wenn er schon selbst nicht drauf gekommen war, hatte ihm jetzt von außen 'jemand' geholfen. Harry fühlte sich leichter. Die Stopp-Technik: Wann immer du in einen Kreislauf negativer Gedanken, ins Grübeln gerätst: Stoppe diesen Gedankenstrom, atmet tief durch, tritt neben dich, wenn möglich 'in echt'. Und dann beobachte. Nimm die Zeuge-Position ein, und wenn du willst, beginne von hier aus, aus dieser übergeordneten Meta-Position, diese Gedanken zu analysieren. Selbststudium, Svadhyaya. Manchmal musst du erst straucheln, um vom falschen Weg abzukommen, dachte Harry, und um sich wieder einzukriegen. Sich einkriegen: Sich auf sein wahres Wesen zu besinnen, die Entstehung dieser heftigen Emotionen zu eruieren, sozusagen ein spiritueller Philip Marlowe oder Inspektor Columbo? Gefühlsmäßig vielleicht eher Inspector Clouseau.
Tiefe Bauchatmung, Harry! So ist's gut. Also, erklimme die Gipfel der Meta-Position, beobachte deine Gedanken und Gefühle und lasse einen Plan reifen, wie diese begrenzenden Emotionen und Gedanken wohl auf sattvige Weise zu ändern seien. Und gerade im richtigen Moment erschien auch ein Lichtblick am Horizont. Er hatte zwei Beine, zwei Arme, einen Kopf. Aus dem Kopf heraus wuchsen lange, blonde Haare. Die schlanke Gestalt bewegte sich langsam und anmutig, scheinbar ziellos den Weg entlang, der schräg auf Harrys Weg zulief. Conny! Kaum zwei Minuten später trafen sich ihre Wege.
Harry smilete ihr schon von Weitem mit zusammengekniffenen Augen gegen die tiefstehende Sonne entgegen. Conny strahlte ein ultra-breites Julia-Roberts-Lächeln zurück.
„Na?,“ meinte Conny, „Auch unterwegs?“
„Ja. Musste mal son bisschen raus da unten. Bisschen Abstand haben.“
„Ja, ging mir genauso. Wobei ich das ziemlich regelmäßig mache, fast jeden Abend. Das ist nötig, um all die Tageseindrücke zu verarbeiten, und auch die Sachen, die so aus dem 'früheren Leben', vor Yoga, wachgerüttelt werden.“
„Ja, das kann einen schon heftig durchrütteln manchmal. Hauptsache, man ist am Ende dieses Gedankenwegs nicht im Kreis gelaufen oder hat sich in der Landschaft verirrt. Also dass man vielleicht auch eher spiralenförmig an einen neuen Aussichtspunkt kommt.“
Harry klang mittlerweile schon wieder recht entspannt und eloquent. Aber Conny war sensibel und hakte nach.
„Im Moment scheinst du diese Kurve aber noch nicht gekriegt zu haben. Du siehst gar nicht so wirklich frisch aus, Harry. Was'n los?“
„Ach. I' m just an old nothinguse.“
„A What?“
„Na, 'n alter Nichtsnutz.“ Harry erzählte ihr einige der Gedanken, die ihm in der letzten halben Stunde durch den Kopf gegangen waren.
„Klingt ja ziemlich heftig. Kann ich gut verstehen“, nickte Conny. Nach einer kurzen Pause reichte sie ihm einen zusammengefalteten Zettel hinüber. „Hier, schau mal, ich hab gestern abend ein Gedicht geschrieben.“ Auf dem hellgrünen, etwas zerknitterten Zettel standen in säuberlicher, schwungvoller Schrift einige handgeschriebene Verse.

Schwarzer Flieder

Schwarz blüht der Flieder
auf blutiger Erde,
schwarz blüht der Flieder
im sonnigen Mai,
schwarz blüht der Flieder
im Tal der Tränen.

Schwarz ist das Blut des Flieders
tröpfelt unaufhörlich
auf den schmerzlich roten Sand
Bald schon blüht nie wieder
im dunklen Tal der Flieder
und wir schauen zu
aus einem fernen Land.

Schwarz sind die Blüten des toten Flieders,
der zu Staub zerfällt
beim Gesang der Seelen,
die aufgestiegen sind aus tiefen Grüften.
Schwarz ist der Himmel
über dem schwarzen Gestade,
schwarz ist der Hauch der Verwesung.
Bald schon ist die Geschichte der Menschheit gestorben.
Doch bald blüht auch wieder
im Tal der Tränen
der schwarze Flieder.

Harry schauderte ein wenig, und sein erster Gedanke war: Das kenn ich. Und fast wieder etwas neidisch: Es klingt bei weitem nicht so böse und verärgert, wie meine wirren Gedanken. Allerdings war das Gedicht mindestens genauso abgründig. Aber einfach viel weicher, poetischer, versöhnlicher, trotz dieser tieftraurigen Grundstimmung. Sehr persönlich eigentlich. Dass sie sich ihm auf diese Weise so offenbarte, erweckte spontan eine tiefe Zuneigung in ihm. Es war ein Vertrauensbeweis. Auch zeigte es ihr Selbstvertrauen, da sie sich ja kaum kannten.
Er schaute Conny tief in die Augen und sagte lächelnd: „Schön. Wirklich ein sehr schönes Gedicht. Und wie geht’s dir jetzt?“
„Nun, jedenfalls bin ich wieder aufgetaucht! Aber ich brauch das nicht weiter zu analysieren. Es ist raus. Und es ist noch da drin, aber anders als vorher. Und es ist gut so. Diese Veränderung dadurch, dass ich diese Worte gefunden habe, zieht weite Kreise in meinem Unterbewusstsein, verstehst du?“
„Ich glaube, Ja.“
„Es geht um das Annehmen und Loslassen. Diese Energie von Widerstand gegen das Leben, gegen das, was dir das Leben gerade bringt, was du als Leiden empfindest, oder als Ärger oder was auch immer. Diese Energie, die vorher im Gefühl gebunden war, ist jetzt freigesetzt, ist umgewandelt in Annehmen, in Einverstandensein. Und so sie findet genau dahin, wo sie jetzt gebraucht wird. So ähnlich, wie in den Asanas, weißt du?“
„Ja, ich denk, schon. Der kreative Ausdruck ist enorm wichtig. Schreiben ist ne gute Therapie, so wie Malen. Leider fehlt oft die Zeit.“
„Das ist auch ne Form von Disziplin, sich diese Zeit quasi abzuschneiden aus dem Alltagstrott. Damit du kein Alltagstrottel wirst,“ lachte Conny. „Zeit haben heißt, unverplant im Hier und Jetzt sein. Nur sein. Nichts wollen, nichts müssen.“
„Ja. Zeit ist einer der größten Wohlstände, die wir haben können. Zeitwohlstand bringt Entspannung, Achtsamkeit, Geduld, Gesundheit, kreativen Raum ... Zeit der Muße – welch ein Luxus.“
„Und wie nötig: Zur Selbstbesinnung, zur Reflexion, und, ganz wichtig, deren Ausdruck in Form von Kreativität und spirituellen Übungen. Das ist die eine Art, sich zu weiterzuentwickeln. Die andere ist das 'normale' Alltagsleben, den Alltagspflichten nachzukommen.“
„Genau“, meinte Harry. „Am besten auf möglichst bewusste, sattvige Weise. Beides im Wechsel, besser gesagt gleichzeitig, ergänzt sich mal wieder ganz natürlich, gemäß Yin und Yang, Shiva und Shakti.“
„Na also. So, don't worry – be Hari, Harry! Hari, Hari, Hari Ram!,“ rief Conny. „Und jetzt ist's genug. Hari OM tat sat!“

Nirvana needed

Harry stand einen Moment da und wusste gar nicht, wie er sich fühlen sollte. Ohne zu sollen fühlte er sich erleichtert, etwas verwirrt, deutlich entspannter. Und so ganz subtil war eine gewisse Aufregung entstanden, so als ob etwas Neues in ihm wach wurde, zu wachsen begann, ohne dass er dies irgendwie näher bestimmen konnte. Sie standen noch eine Weile schweigend nebeneinander, gedankenverloren, sinneserfreut. Der Duft des Feldes, der Blick über die Hügel, der sich langsam anbahnende, wunderbare Sonnenuntergang, der Mensch an meiner Seite – was will ich denn mehr?, dachte Harry.
„Na komm“, meinte Conny schließlich, „jetzt geh'n wir mal zurück, damit wir noch pünktlich zum Satsang kommen.“
Schweigend gingen sie nebeneinander zurück ins Tal hinunter, und wie zufällig berührten sich manchmal bei einigen Bewegungen ihre Hände oder Schultern.

 

 

 

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