Bloß kein Erleuchtungsstress

Leseprobe 3, aus Kapitel 42: "Alles Karma"



„Der Gedanke ist das wahre Karma. Denken ist das wahre Handeln.“
(Swami Sivananda)

Harry war durch ein ätherisches Wurmloch aus der Traumzeit wieder in die Raumzeit zurückgekehrt – diffundierend durch die lichten Schwaden ätherischen Nebels, sanft gelöst in den spektralen Schlieren regenbogener Nässe, schwingend mit den äolsharfenen Harmonien feinstofflicher Frequenzen, virtuell zwischen Teilchen und Welle schlummernd, bereit für ein ihn manifestierendes Bewusstsein, tanzend auf den Perlen in Indras Netz, glitzernd wie Tautropfen auf den feinen Fäden eines unendlichen, vieldimensionalen Netzes einer kosmischen Spinne, und Brahman ist diese Spinne, die ihre Kinder frisst, und wieder ausspuckt, .... Brahman, den niemand schuf, nie geschaffen, schon immer war und ewig sein wird, IST. Tat twam asi – DAS bist DU. Zurückgekehrt in die Raumzeit, die sein Wachbewusstsein für die selbstverständliche Wirklichkeit hielt: Ich bin Harry, kosmischer Harry bin ich. Wo ist Kosmische Wonne, Wonne bin ich? Too strange? So far? Das Diesseits ist immer da, wo das Bewusstsein ist. Aufzubrechen in die Zeit des Erwachens zu vollem Bewusstsein, aus der Konsensustrance zur spirituellen Matrix, ins reine Potenzial, dazwischen jedoch vielschichtige Zeiten und Räume der karmischen Verpflichtungen, der Transformationen seelenhafter Existenzen, zeitweise Aspekte der allumfassenden Wesenheit, Satchidananda. Leben – ein Traum in einem Traum in einem Traum in einem Traum ...?
Nun, heute stand Karma und Reinkarnation auf dem Programm. Nicht nur beim Vortrag – es war ja genau das, was ständig und jeden Tag passiert. Karma und Reinkarnation. Das fiel ihm jetzt erst richtig auf. Es passiert tatsächlich jeden Moment. Jeder Moment Schicksal, jeder Moment eine neue Chance! Da ist es nicht einfach, wirklich zu entspannen. Es sei denn, du hast genügend Bhakti entwickelt. Nur kein Erleuchtungsstress! Lila-Pausen! Karma-Yoga-Einstellung!
Was für eine Flut am frühen Morgen – Gedanken. Bewusstes und unbewusstes Schwimmen im Ozean der Zendenz und Transzendenz. Da muss ich gut schwimmen lernen, dachte Harry, Frei-Schwimmer sozusagen, mich frei schwimmen im Strom des Lebens, mich tragen lassen. Das tägliche Üben, das Selbst- und Gottvertrauen. Na zumindest kann ich mich halbwegs über Wasser halten. Ob man das Schwimmen nennen kann? Außerdem sollte ich tauchen üben! Eintauchen in den Strom, und wieder auftauchen. Bevor mich jemand anders taucht, oder ein Strudel mich hinunterzieht. Was war noch der Trick? Nicht dagegen ankämpfen, sondern sich ganz bis zum Grund ziehen lassen und dann unten seitlich raustauchen, wieder hoch zum Licht! Na, wie das wieder passt. Was für eine schöne Metapfer! Denn tapfer sein muss man dabei auch ...
So ging's weiter und weiter, im subliminalen Rausch durch Harrys axonale Labyrinthe, vornehmlich im präfrontalen Cortex, bis er sich tatsächlich irgendwann im Hier und Jetzt des Satsangs wiederfand. Den Morgenvortrag hielt Mahadevi.

„In Kurzform,“ begann sie, „kann man den Begriff Karma z.B. auch so komprimieren: Karma bedeutet: Säe den Gedanken – ernte die Tat, säe die Tat – ernte die Gewohnheit, säe die Gewohnheit – ernte den Charakter, säe den Charakter – ernte das Schicksal. Karma und Reinkarnation gehören ganz eng zusammen. Heute morgen werden wir uns schwerpunktäßig mit Karma beschäftigen und den Gesetzen, nach denen es funktioniert. Heute nachmittag geht’s dann mehr um Reinkarnation, um Sterben und was zwischen den Leben passiert.
Der Tod gehört unweigerlich zum Leben. Da jeder weiß, dass er sterben muss, hat auch jeder eine Vorstellung und Werte davon, die das Leben beeinflussen, und sei es, indem er das Thema verdrängt. Leichter ist es aber, sich eine konstruktive Vorstellung davon zu machen, solange du das Gegenteil nicht beweisen kannst.
Wenn eine Intelligenz den Kosmos geschaffen hat, und davon gehen wir im Yoga aus, nämlich Brahman, dann macht Zufall keinen Sinn, ebenso wenig wie Ziellosigkeit. So mag auch Einstein seine berühmte Äußerung verstanden haben „Gott würfelt nicht“. Ich verwende in den Vorträgen den Aspekt des Karma als das, was uns an Lebensumständen passiert, annähernd synonym mit Schicksal. Also ist Schicksal, quasi das Geschickte, sinnvoll, und Karma kommt somit unweigerlich. Die Frage ist: Was fange ich damit an? Karma ist nicht nur das, was mir geschieht, das ist nur die äußere Form, sondern Karma ist auch, wie ich mit dem Geschickten umgehe. Möglichst geschickt!“ lächelte Maha. „Also es geht um das Lernen auf der psychischen, geistigen Ebene, um die psychospirituelle Entwicklung, nicht primär um das, was in der materiellen Welt geschieht. Die können wir ohnehin nicht direkt erfahren, sondern nur unsere Wahrnehmung dessen, die Konstruktionen in unserem Geist. Weshalb wir den Geist transformieren müssen, in dem wir ihn mit bestimmten Übungen erweitern und gleichzeitig aktiv in der materiellen Welt handeln. Es heißt ja nicht umsonst Erfahrungen 'machen'.
Was dabei unsere Entscheidungsfreiheit betrifft, können wir nicht sagen, sie wäre durch andere oder äußere Umstände begrenzt – die wären 'Schuld'! Wir haben ja eben dieses Karma, was wir jetzt mitbringen, in früheren Leben selbst geschaffen. Insofern ist nichts durch eine äußere Kraft determiniert. So haben wir im Prinzip freie Wahl und alles Potenzial zur Verfügung.
O.k., ich weiß, das ist sehr abgehoben von unserem Alltagserleben aus gesehen. Dadurch wird's aber nicht unwahr. Und das ist eben die universelle Lebensaufgabe, die Kompetenzen zu erwerben, das Bewusstsein zu erweitern, Satchidananda zu realisieren. Wir gehen also davon aus, dass es sowas wie eine spirituelle Evolution gibt. Und so lange die läuft, so lange wird es Karma geben, so lange existiert die Welt. Wenn alle fühlenden Wesen erleuchtet sind, hört diese materielle Welt auf, zu existieren, denn ihr Zweck ist damit erfüllt.
Die Entscheidungsfreiheit, die wir haben, ist also zumindest das jeweils aktuelle Leben betreffend, wenn auch sehr weit gesteckt, letztlich durch Karma begrenzt. Daher können wir uns für bzw. gegen nichts entscheiden, was nicht in unserem Karma ist. Und die gute Nachricht, die darin steckt: Wir können uns nicht 'falsch' entscheiden, nur für den einen oder den anderen Weg. Was ich brauche, tritt zwangsläufig in Erscheinung, je nach dem, was ich gewählt habe. Und dann muss ich es aber erkennen im Sinne einer spirituellen Lernaufgabe. Deshalb ist die Vergrößerung der Bewusstheit das primäre Ziel. Wir bauen Karma ab, indem wir handeln im Dharma, den spirituellen Gesetzen folgend. Dann können wir aus allem, was geschieht, jeweils das lernen, was für uns zu lernen ist.
Eine Entscheidung für die Ausführung einer unethischen Handlung ist nur insofern 'falsch', als dass sie unser Karma vermehrt und damit unseren Weg zur Befreiung verlängert. Wir sind dann Erfüllungsgehilfen für das Karma anderer, die Leid erfahren müssen. Und umgekehrt können daher auch andere uns nichts tun, was nicht in unserem Karma ist. Wozu also die Schuldzuweisungen, die Ressentiments, der Hass? Der uns letztlich auch selbst zerstört.
Wir können anderen nichts tun, was nicht in deren Karma ist. Wir haben aber die Wahl, dies durch uns geschehen zu lassen oder diese Aufgabe anderen zu überlassen. Das kommt auch sehr gut in dem Spruch von Mephisto zum Ausdruck: „Es muss ja Übles kommen, aber wehe dem, durch den es geschieht“. Also, so lange es Karma gibt, das jemand abzutragen hat, findet sich einer, der den 'Schwarzen Peter' übernimmt und sich damit selber neues Karma schafft – ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie alles mit allem zusammenhängt, und vor allem, dass Erlösung nur gemeinsam stattfindet.
Determiniert ist, dass du inkarnieren musst bis zur Erleuchtung, und das Ernten des Karma zu Lebzeiten. Wie du das löst, ist dir freigestellt. „Wenn dein Leben wie eine Zitrone ist, mach eine Limonade draus“, heißt ein beliebter Spruch. Du kannst jedenfalls nicht aus dem Spiel aussteigen, du musst spielen.“
Oh ja, dachte Harry, das hatten wir schon ganz ausführlich.
„Den Spruch: 'Das Leben, oder Gott, ist ungerecht', können wir immer wieder hören. Klar, aus einer begrenzten Sicht, nur auf dieses Leben beschränkt, erscheint es oft ungerecht und unverständlich, was uns oder auch anderen so passiert. Und da kriegen wir ja auch von der Kirche kaum ne befriedigende Antwort. 'Gottes Wege sind unerforschlich', heißt es da am Ende des Lateins. All diese 'Ungerechtigkeiten' kann man wirklich nur in größerem Zusammenhang verstehen, so wie ihn die Karma-Lehre aufzeigt. In der spirituellen Welt gibt’s keine Ungerechtigkeit, nur Ursache und Wirkung – Karma.
Oder, wenn man sich all das Leiden auf der Welt anschaut, 'Warum lässt Gott 'das alles' zu'?, das ist auch so ne beliebte Frage. Gott lässt es bis zu einem gewissen Punkt zu, weil er dem Menschen bis dahin Entscheidungsfreiheit gegeben hat. Aber wenn's zu heftig wird, schickt er einen Avatar, z.B. Krishna oder Jesus.“
Wieso eigentlich?, fragte sich Harry. Wieso lässt er's nicht laufen? Gott liebt seine Kinder?!
„Nicht alles 'Schlechte' ist von Menschen gemacht. Zerstörung und Wiedererschaffung gibt es im ganzen Universum, auch ohne den Menschen, z.B. durch astrale Kräfte, kosmische und materielle, irdische Naturgesetze, durch Shiva und Kali.
Gut. Ich möchte euch jetzt die verschiedenen Arten von Karma vorstellen und die karmischen Gesetze, nach denen es funktioniert .................................Via lucis

Via lucis – der Weg des Lichts

 

 

 

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